Kaminabend mit Michael
15.02.2024: „Wie formen gesellschaftliche Strukturen verschiedene Persönlichkeitstypen aus? Und vice versa?“
Ergebnisse des 2. Kaminabends zum Einfluss der Gesellschaft = Sozialisation
Unser Blick auf Kinder – wie sie sich entwickeln, woran sie sich orientieren, welche Ziele sie sich suchen werden – wird dominiert von unserer eigenen Sozialisation. Wir Pädagog*innen haben also unsere „kulturelle Brille“ auf.
Untersuchungen von Soziologen ergeben jedoch, dass Menschen jenseits des Kleinkindalters mit einer Sozialisation durch ganz andere kulturelle Prägungen auch deutlich andere Erwartungen an ihr Leben und die Gesellschaft, also auch die Schulgemeinschaft, stellen.
Der Soziologe David Riesman postulierte hierzu mindestens drei verschiedene Gesellschaftskonzept und zugehörige Persönlichkeitstypen, die Ende des 20. Jahrhunderts in den westlichen Industrienationen parallel zueinander existieren:
• Der traditionsgeleitete Persönlichkeitstyp: Die Konformität innerhalb der Gruppe wird durch feste Verhaltensmuster erzeugt. Rolle, manchmal auch Beruf ist dir vorbestimmt. Das Verhalten der Menschen untereinander wird durch das Einhalten einer Etikette bestimmt. Das kann Knigge-Benehmen sein, aber auch die Ehre in einer Straßengang oder einem Familienclan. Tiefere moralischen Normen gibt es nicht, solange du nach außen hin der Etikette genügst, bekommst du Anerkennung. Als Erwachsener achtest du selbst strengstens darauf, dass die Etikette eingehalten wird.
• Der innengeleitete Persönlichkeitstyp: Entstand erstmals da, wo es keinen Konformitätsdruck durch Etikette gab. Er bekommt vom Elternhaus/in den ersten Lebensjahren übergeordnete Werte/Ideen vermittelt, die im gesamten weiteren Leben eine feste Basis für eine Orientierung in einer dynamischen Gesellschaft geben, ihm aber genug Flexibilität für neue Verhaltensmuster lassen – sie müssen sich allerdings mit diesen fest verankerten Grundwerten vertragen. Welche Werte das sind, ist offen, es können moralische Normen sein, aber auch Reichtum, Macht, Weisheit, Güte, Hilfsbereitschaft und vieles mehr. Er hat einen „inneren Kreiselkompass“. Konformität ist für ihn ein nur bedingt wichtiger Wert.
Dieser Persönlichkeitstyp, der in Europa im Zeitalter der Aufklärung entsteht, liegt den pädagogischen Konzepten der meisten Schulsysteme in Europa immer noch zugrunde und dient nach wie vor als ideales Bildungsziel.
• Der außengeleitete Persönlichkeitstyp: Entsteht nur, wenn Überfluss herrscht und Freizeit „bewältigt werden muss“. Er unterliegt keiner festen Etikette, bekam aber auch keinen „inneren Kreiselkompass“ vermittelt. Ist deshalb unsicher und orientiert sich an „den Anderen“. Um seine Beliebtheit zu steigern ist er offen, großzügig, und bei jedem Trend dabei, den seine Umgebung durchlebt. Er lebt Konformität durch ständigen Abgleich seines Besitzes und seines Verhaltens mit den anderen – im Zentrum steht oft Konsum. Vermutlich der vorherrschende Persönlichkeitstyp heute in den Industrienationen.
• Der Typ „Urban Tribe“: Ist neu, von Michael als Hypothese aufgestellt, hat dieselben Bedingungen wie der außengeleitete Typ, schafft es aber nicht mehr, sich an der „Mehrheit“ zu orientieren und sucht sich deshalb kleine Sub-Gruppen, die Konformität wieder über Etikette herstellen – verbale Codes, Memes, Kleidung. Das Ganze passiert häufig auch in virtuellen Welten, bleibt im Vergleich mit den anderen Typen oberflächlich, der „Urban-Tribe“-Angehörige ist gleichzeitig unsicher, vielleicht einsamer und orientierungsloser als die anderen Typen.
Wie können die verschiedenen Persönlichkeitstypen durch Pädagog*innen „erreicht“ werden, bspw. bei einem Gespräch zu einem Fehlverhalten des betreffenden Jugendlichen?
Traditionsgeleiteter Typ: Ändert sein Verhalten nur, wenn er Scham fühlt.
Innengeleiteter Typ: Ändert sein Verhalten nur, wenn er das Gefühl hat, „gesündigt“ zu haben.
Außengeleiteter Typ: Muss das Gefühl bekommen, dass er sich mit diesem Verhalten von der Gruppe isoliert.
Urban-Tribe-Typ: ??? („Ihr seid mir sowieso alle egal“)
Quellen und Literatur:
Riesman, David: The lonely crowd, 1950 (Deutsch: Die einsame Masse, Rowohlt 1960)
Henrich, Joseph: Die seltsamsten Menschen der Welt: Wie der Westen reichlich sonderbar und besonders reich wurde, Suhrkamp 2022
